Foto: Martin Holz

vorgestellt: tilman meynig

Im Gespräch mit Tilman Meynig. Von Martin Holz

Berlin-Tempelhof, der alte Flughafen. Inmitten dieser Tummelwiese für Stadtbewohner suchen wir einen abgelegenen Winkel. Dann, zwischen Asphalt und ungemähtem Gras gibt mir Tilman sonderbare Anweisungen und zeigt mir mit seinem Körper, was meiner tun soll. Zuerst verwickelt sich mein linkes Bein in das rechte. Meinen Menschen soll ich verrenken, ich soll dies, soll jenes: wir machen Übungen, von denen ich nicht weiß, was sie mit mir tun. Vielleicht ist es Kung-Fu, vielleicht Bruce oder Lee, keine Ahnung – ich lasse geschehen, was geschieht. Danach habe ich die Gelegenheit, ihm Fragen zu stellen: ein Gespräch entsteht, ein Dialog über Longevity und Howard Lee, über Lateinamerika und modernen Schamanismus, über Luhmann und die Wildnis des Denkens.

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Berlin, Tempelhof. Foto: Caroline Wimmer

MH Sonderbare Verrenkungen, wedelnde Hände, konzentrierte Atmung: was haben wir gerade getan?

TM Ich sehe das Tun vom Ergebnis her. Wie hast Du Dich vor unserem Training gefühlt und wie fühlst Du Dich jetzt? Auf mich machst Du einen entspannteren Eindruck. Du sitzt aufrechter, Deine Schulterpartie wirkt lockerer, Deine Pupillen sind deutlich geweitet. Deine ganze Haltung und auch Dein Gang ist verändert, Dein Kopf und Oberkörper erhobener, Dein Blick offener als vorhin. Du wirkst auch innerlich ruhiger. Beide haben wir jetzt nach dem Training etwas mehr Präsenz. Es sind diese Feinheiten, für die ich als Longevity-Trainer einen Blick entwickelt habe. Wir sind vorhin durch eine größere Menschenansammlung auf der Grillwiese gelaufen. Wir werden erleben, dass wir dort auf dem Rückweg auffallen. Unser erreichter Grad an Tiefenentspannung wirkt auf andere anziehend.

MH Ich bin skeptisch: sind wir nicht bereits auf dem Hinweg durch einen für diese Gegend deplazierten Gegenstand in meinem Rucksack – meine Wasserwaage – aufgefallen? Ist es nicht möglich, dass den Übungen, die wir gemacht haben, zuviel Bedeutung zugemessen wird?

TM Die Waage hat tatsächlich etwas von einer Antenne der Aufmerksamkeit (lacht). Ich frage mal zurück: hast Du wahrgenommen, dass wir bereits auf dem Hinweg auffielen? – Meine Erfahrung ist, die wenigsten fallen in Berlin auf, Deine Waage in allen Ehren. Zu The Light of Life Longevity kann ich so viel sagen, dass ich es seit 2006 regelmäßig praktiziere, also etwas mehr als sieben Jahre, und sich mein persönliches Befinden seitdem deutlich zum Besseren verändert hat. Ich schreibe das zu einem wesentlichen Teil diesen Übungen zu. Und sie sind für mich das Wirkungsvollste, das ich bisher erprobt habe. Wichtig scheint mir zu sein, dass Übungssysteme die Wahrnehmung erweitern oder vertiefen. Für einen mag das Kunst sein, für andere Sport und ich habe diesen Weg für mich entdeckt. Genau genommen solltest Du Deine Frage also Dir selbst stellen, was haben diese Übungen mit Dir gemacht? Wie geht es Dir jetzt?

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Foto: Caroline Wimmer

MH Autsch – Du hast recht. Ich habe Rückenschmerzen, natürlich an den üblichen Stellen. Daher eine andere Frage: neben Deiner Tätigkeit als Longevity-Trainer bist Du Kulturwissenschaftler und Autor von „Bewusstsein und Kommunikation“. Gibt es zwischen diesen Tätigkeiten eine Verbindung?

TM Das korrespondiert. Wenn ich wie eben etwas zur Wirkung der Übungen sage, so sage ich das vor dem Hintergrund einer systematischen, qualitativen Studie über die Übungen, der ein wissenschaftlicher Ansatz zugrunde liegt. Zumindest erhebe ich einen Anspruch darauf. Und deshalb ist mir das auch so wertvoll, wie diese Übungen z.B. bei Dir wirken, also Menschen, die sich damit bisher nicht beschäftigt haben. Da das System in Deutschland derzeit nahezu unbekannt ist, bin ich immer auf der Suche nach Möglichkeiten der Evaluation und natürlich auch Promotion. Buch und Übungen sind für mich zwei Seiten einer ungeteilten Intention. „Bewusstsein und Kommunikation“ ist ein nahezu empiriefreies, weitgehend abstrahiertes Buch. Aber ich habe jeden Satz davon durchlebt. Mein Interesse gilt der Entwicklung der Person in anastrophischer Weise. Das Buch ist eine verschlüsselte Gebrauchsanweisung und diese Übungen mein eigener, persönlicher Weg. Ich könnte anderen diesen Weg empfehlen, aber wie gesagt, Verwirklichung kann auf vielerlei Weise passieren und nicht alles passt für jeden. Wichtig ist aber, mit etwas erst einmal anzufangen.

MH Könntest Du noch etwas genauer auf „Bewusstsein und Kommunikation“ eingehen und es kurz erläutern? Mich interessiert auch, wie Du jeden dieser Sätze durchlebt hast. Was ist die persönliche Geschichte hinter diesem Buch?

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TM Ein Prozess, der in meiner frühen Jugend begann und der mich dazu brachte, meine persönlichen Grenzen zu erkunden und mitunter auch zu überschreiten. Das ist etwas, das mich interessiert und das ich auf vielerlei Weise probiere. Irgendwer hat mal gesagt: „Wer etwas wissen will, muss viele Dinge tun.“ Das ist immerhin halb richtig. Gegenüber vielen zeitweiligen Begleitern oder Weggefährten hatte ich immer das Gefühl, eine Orientierung zu haben, auch wenn ich sie nicht konkret benennen konnte. Meistens bin ich der, der voraus geht und dann darauf zu achten habe, dass alle Folgenden meine Wegweiser richtig verstehen. Ich sage nur so viel, dass das nicht immer glücklich gelaufen ist. Also gibt es jetzt dieses Buch. Ich kann jetzt sagen: lies nach und entscheide selbst. Aber zurück zu diesem Spruch. Es gibt Bereiche des Bewusstseins, die man besser nicht auf der Suche nach Orientierung oder Lebenshilfe betritt, sondern aus tiefem Interesse am Forschungsgegenstand. Menschen, die diese Fähigkeit besitzen, sich für etwas tiefgreifend zu interessieren, können und sollten „viele Dinge tun“. Es geht um eine Haltung. Ohne es in Worte zu fassen war mir das von früh auf klar und ich begann entsprechend früh mit körperlich-geistigen Trainingsprogrammen, um die Konstitution zu erreichen, meinem Forscherdrang nachkommen zu können. Es ist mir dann nach ein paar Jahren klar geworden, dass ich eine Sprache brauche, um darüber reden zu können, eine Sprache, mit der ich das beschreiben kann, was da in meinen Synapsen feuerte, und so kam ich zur Systemtheorie. Als ich die ersten Seiten von „Soziale Systeme“ las, hatte ich einen Traum von großen Maschinen, Maschinen, mit denen ich den Planeten in mir bewässern konnte und endlich wachsen zu sehen, was in mir war.
Manche Sachen sieht man erst dann bewusst, wenn sie einen Namen haben. Also trat ich in den Dienst der Wissenschaft, um Dinge benennen zu können, ein Bewusstsein für das Paradoxieren zu entwickeln und damit umzugehen zu lernen. Paradoxien sind aus meiner Sicht Strategien, aus der Rationalität herauszutreten, um in den Geist zu gelangen. Gib dem Affen Zucker und dann verlasse seinen Käfig. Ich wusste, dass mein Kopf Input braucht. Ich habe mich darum gekümmert, seine Bedürfnisse zu stillen, dann habe ich eine Exit-Strategie entwickelt und anschließend habe ich eine Geschichte daraus gemacht. Das ist „Bewusstein und Kommunikation“.

MH In einem anderen Gespräch hast Du von einigen Forschungsreisen im lateinamerikanischen Raum gesprochen und über Deine Erfahrungen mit Schamanismus. Haben diese Erlebnisse etwas damit zu tun? Wie beeinflussten Dich diese Expeditionen?

TM Es ist das gleiche Interesse. Ich muss da etwas zu dem Begriff „Schamanismus“ sagen: ich verwende ihn ungern in Zusammenhang mit meinen eigenen Erfahrungen, da der Begriff ethymologisch auf das Wort „saman“ zentralasiatischer Sprachen zurück geht. Ethnologisch korrekt gibt es nur in dieser regionalen Ausprägung Schamanismus. Mich nervt diese Vereinnahmung Jahrtausende alter kultureller Traditionen durch Modeerscheinungen nach dem Coka-Cola-Prinzip. Ich kannte einmal einen Aborigine-Heiler, dem fiel das Didgeridoo eines Hippies auf und dazu sagte er mit dem Blick eines Überlebenden der Lost Generation, dass an dem Instrument das Blut von hundert Völkern klebt.
Zu den Expeditionen: wir haben in Mexiko hauptsächlich Wüstenwanderungen gemacht. Baudrillard hat mal etwas über die Geschichtslosigkeit von Wüsten geschrieben. Demnach stolpert man in den Wüsten des Nahen Ostens und Afrikas ständig über Relikte vergangener Zivilisationen. Die amerikanischen Wüsten seien aber geschichtslos. Auch wenn diese Ansicht etwas ethnozentrisch scheint, Wüsten haben tatsächlich sehr unterschiedliche Stimmungen. Und die amerikanischen Wüsten kamen mir sehr vertraut vor, alles andere als lebensfeindlich. Also, wie soll ich sagen? – auf einer anderen Ebene hatte ich diese Plätze bereits besucht. Ich kenne Menschen, die über ähnliche Deja-Vus von Orten berichten. Vor allem aber kenne ich auch Orte, an denen ich mich alles andere als willkommen gefühlt habe. Daher weiß ich es zu würdigen, dass diese Orte auf der anderen Seite des Erdballs mich aufgenommen haben und mir trotz kleinerer Schrecken bei einer geradezu naiven Unterschätzung der Risiken nichts passiert ist. Es sind diese Landschaften in meinem Kopf, ich suche auf dieser Welt Entsprechungen und das bringt mich an bestimmte Orte. Ich glaube an die Belebtheit der Natur, dass an Orten Geister leben und man mit ihnen in Verbindung treten kann. Einmal fand ich mich Mitte Dezember am frühen Abend bei heftigen Schneeverwehungen am größten erhaltenen jüdischen Friedhof Polens wieder, da hat mich auch etwas gezogen und es war gleichzeitig eine äußere und eine innere Reise.
Dein Projekt „Conquering Places“ war daher etwas, mit dem ich auf meine Weise gleich etwas anfangen konnte. Wichtig scheint mir zu sein, die innere Landschaft im Blick zu haben. Ich investiere wirklich viel Zeit und Energie, um mich in ihr zu bewegen. Und dazu braucht es ein ganz anderes Training als das, was wir in der physischen Welt tun und lassen. Letzten Endes gehört aber beides zusammen und in der Einheit mit der Natur lösen sich die Grenzen der äußeren und inneren Welt nach und nach auf und werden zu einem Ganzen.

MH Da Du von „Conquering Places“ sprichst. Was wird Dein Beitrag bei diesem Projekt sein – möchtest Du ihn kurz vorstellen?

Ein Trainer hat mir mal die grundlegende Bedeutung der Einrichtung und Unterscheidung von Orten und Plätzen gezeigt. Das ist nicht nur Bedingung physischer und geistiger Gesundheit, sondern auch ein Stück weit Voraussetzung kreativer Prozesse. Und dabei gibt es zwei Formen, die ich hier vereinfachend den zivilisatorischen und den wilden Weg nenne. Der zivilisatorische ist der Weg der An-eignung und Eroberung, der wilde der der Selbstüberlassung und der Teil-werdung. Es geht mir dabei eher um eine Würdigung und Kultivierung beider Zugangswege, als um eine moralische Beurteilung. Beide Wege haben unterschiedliche Qualitäten und Wirkungen und es geht mir um die spielerische Erforschung beider Ansätze, was machen sie mit einem und was entstehen daraus für Erfahrungs- und Wahrnehmungshorizonte?

MH In einem anderen Gespräch hast Du über Deine Erfahrungen mit Schamanismus gesprochen. Haben diese Erlebnisse etwas damit zu tun? Wie beeinflusste Dich das?

Ich finde es nicht leicht, über das Thema zu reden. Der Begriff „Schamanismus“ ist sehr in Mode und es gibt Sachen und Personen, die damit bezeichnet werden oder die sich selbst so nennen, was meinen eigenen Bestrebungen zuwider läuft. Ich möchte soviel sagen: ja, ich habe einige Erfahrungen an den Grenzregionen meines Bewusstseins gemacht, die mir alles abverlangt haben, um sie irgendwie in mein Leben integrieren zu können. Zum Teil ähnelten diese in ihrer Erscheinungsweise dem, was z.B. über die Schamanenkrankheit berichtet wird. Was ich erlebt habe, ist zum einen eine tiefe, durchgreifende Identitätskrise und zum anderen die Auseinandersetzung mit meinem eigenen Tod. Ich bin dem Tod einmal als Jugendlicher sehr nahe gekommen, so dass ich weiß, wie der physische Körper sozusagen „abschließt“ und was dann in Millisekunden so alles im Kopf passiert, um sich bereit zu machen.
In späteren Jahren habe ich dann erlebt, wie mein ganzes Identitäts- und Wahrnehmungsgefühl implodierte und sich alles verabschiedete, was mir psychisch Sicherheit gab. Das war eine Zeit des großen Lernens über die Konstitution der Realität. Nur am Rande, interessanterweise bildete sich zu der Zeit auch mein Ausdrucksvermögen in einer Weise, dass ich auch Zugang zu kreativen Anteilen in mir entdeckte, die ich vorher nicht besaß. Statt körperlicher Symptome fing ich an, Worte und Beschreibungen zu entwickeln, um rekapitulieren zu können, was in mir stattfand. „Liebe Dein Symptom“, wie Zizek sagt. Es geht natürlich darum, es emotional verarbeiten zu können. Ich sage das, weil Ausdrucksvermögen häufig mit Kopfarbeit in Verbindung gebracht wird und das ist etwas anderes als der Prozess, den ich hier beschreibe. Und schließlich geht es im Schamanismus vor allem um die Ausbildung heilerischer Fähigkeiten. Dazu kann ich sagen, dass mich z.B. die Dämonologie des Nepal-Schamanismus stark fasziniert. Es war Teil meines Studieninteresses, das irgendwie systemtheoretisch zu übersetzen, was da so bildlich und plastisch vorgestellt wird. Letzten Endes kann ich für mich sagen, dass die Menschheit in Jahrtausende lang geschliffenen Strukturen des Missbrauchs gefangen ist, mit denen wir uns, ob wir wollen oder nicht, in uns und um uns herum auseinanderzusetzen haben. Die soziologische Systemtheorie war für mich eine Lageplan der menschlichen Lebenswelt: in was für einer Welt lebt der Mensch? Was beeinflusst ihn und wofür kann er Verantwortung übernehmen, wenn es schon so viel gibt, das außerhalb seiner Kntrolle passiert? – Ich möchte zumindest wissen, mit welchen Bedingungen ich im Feld konfrontiert bin.
Mir liegt auch der Dialog zwischen Heilern unterschiedlicher Traditionen oder Systeme am Herzen. Heilung ist Transformation und magisch. Es gibt sehr alte Teile unseres Gehirns, die auf magische Riten ansprechen. Heute lässt sich vieles erklären, nimm einmal die Neurowissenschaften oder die Verhaltens- und Entwicklungspsychologie. Trotzdem funktionieren Riten nach wie vor und sind integraler Bestandteil unseres Lebens. Ich plädiere dafür, alte und neuere Gehirnregionen zu integrieren. Das tut uns Menschen gut und macht uns auch fähig, einfacher und authentischer miteinander umzugehen.

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Foto: Caroline Wimmer

Anmerkungen
Beitragsbild: Martin Holz

Über Tilman Meynig
1976 geb. in Kapeln an der Schley
seit 2001 Studium Kulturwissenschaften (Diplom)
2000-2008 Forschungsreisen
2008 Studium der Kulturwissenschaft abgeschlossen mit der Arbeit ‘Persönlichkeitsentwicklung
im kommunikativem Kontext’
seit 2008 freiberuflich tätig als Autor und Wissenschaftler
2011 Ausbildung zum ‘longevity-instructor’, seitdem als ‘Longevitytrainer’ tätig
2012 Veröffentlichung von “Bewusstsein und Kommunikation”

Veröffentlichungen
‘Bewusstsein und Kommunikation’. Disserta Verlag. Hamburg, 2012.

Links
www.longevity-berlin.de
Mehr Fotos von Caroline Wimmer auf www.streiflicht-fotografie.de

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